Apfelstrudel

Als ich ein Kind war, kam ab und an die "Resi-Tant" von Wien zu Besuch. Sie war die Schwester meiner Oma, eine sehr kleine wendige und für mich damals uralte Frau. Es war ein seltener Besuch und dennoch verbinde ich damit sehr schöne Kindheitserinnerungen und eine davon habe ich heute nachgemacht, nämlich den Apfelstrudel. Aber zunächst zu einer anderen schönen Kindheitserinnerung mit ihr. Das Highlight ihres Besuches war unser gemeinsames Picknick. Dazu packten wir Wurstsemmeln, Getränke und eine Decke in einen geflochtenen Korb und schon ging es zur ... 150 Meter entfernten Linde unter deren kühlenden Schatten wir uns vom anstrengenden Marsch erholen konnten. Jedes Mal war es so, als stünde die Zeit still und gäbe es nur diesen Lindenbaum und uns darunter. Ein weiteres Highlight war ihr gezogener Apfelstrudel. Sowas kennt man heute nicht mehr. Ich freute mich immer besonders darauf, wenn sich Resi ihre Schürze umband und anfing den Strudelteig zu kneten. Da wurde gezogen, geschwungen, gedreht, der Teig flog mehrmals in die Luft, wurde aufgefangen und von Neuem gedehnt und gezogen. Ihre Hände verschwanden unter dem Teig, der sich zur Gänze in der Luft befand und immer wieder gedreht wurde. Es war ein Schauspiel und ich das faszinierte Publikum. Unser Küchentisch war beileibe nicht klein und dennoch gelang es meiner Tante mit ihrer besonderen Gabe selbigen hauchdünn mit Teig zu belegen. Eine Zeitung wurde darunter gelegt, weil der Teig so dünn sein musste, dass man durch ihn hindurch lesen konnte. Ich war einfach überwältigt. Und heute habe ich selbst nach Tante-Resis Grundrezept einen Apfelstrudel gemacht. Und an solchen Tagen erinnere ich mich an diese schönen Kindheitsgeschichten. Es sind nicht Auszeichnungen und Trophäen, die uns andere Menschen in Erinnerung behalten lassen, sondern solche Momente, wie ich sie mit meiner Resi-Tante verbringen durfte.  Und daran wollte ich dich heute erinnern.

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